Mittwoch, 3. Oktober 2012

Spätrömische Dekadenz

Zahnreinigung nötig... (© Disney)
Gestern Abend leistete ich mir eine für mich besondere Art der Verschönerungskur. Ich ließ mir ungefähr eineinhalb Stunden lang meine Zähne bei meiner Zahnärztin von einer Fachfrau für Zahnraumpflege oder wie das heißt rundum reinigen. Für mich ist das wirklich etwas Besonderes. Zahnärzte und mich verbindet eine Hassliebe: Sie lieben mich, und ich hasse sie. Gut, etwas übertrieben, aber Zahnarztbesuche stehen auf der Liste meiner Lieblingsbeschäftigungen gar nicht erst drauf. In mir verkrampft sich alles und ich kriege Schweißausbrüche, wenn ich auf dem Zahnarztstuhl "flachgelegt" werde, mir zwei Menschen ebenso viele oder gar mehr Instrumente in den weitaufgesperrten Rachen stopfen und den einen Punkt suchen - und in der Regel auch finden - der am meisten weh tut. Da wundert es nicht, dass diese Kosmetik-Behandlung auch nicht meine Idee, sondern die meiner Zahnärztin war, aber ich habe mich eben darauf eingelassen...

In wie gesagt eineinhalb Stunden bekam ich also das Komplett-Programm. Glaube ich wenigstens. Es war mein erstes Mal. Keine Ahnung, ob da noch mehr geht, aber bestimmt. Es begann mit einem Kratzen und Schaben auf den Zähnen bis unters Zahnfleisch - so wurde mir wenigstens gesagt. Es knirschte und knarrte, tat aber überraschenderweise nicht weh. Anschließend wurde mit einem Enterhaken - aus meinem Blickwinkel sah er jedenfalls so aus - in allen Ritzen und Lücken gestochert und geschabt. Eine Art Salzstrahlgebläse, in einem Anflug von zahnmedizinischem Humor "Kärcher" bezeichnet, brauste über meine Zähne, prickelte auf den Lippen und vergewaltigte meine Geschmacksknospen, während ein Waschlappen mit Loch auf meinem Gesicht lag und mich in meinem eigenen dunklen Universum der Angst zurück ließ.

Meine Zunge wurde mir aus dem Mund gezogen und auf die Länge der von Gene Simmons von KISS gestreckt, während eine rotierende Bürste sie von Belag und wer weiß was noch alles befreite. Ich bekam Hexadingsbumsirgendwas eingeflößt mit dem strikten Hinweis, das Zeug schön durchzuspülen, aber nicht zu schlucken (es soll nämlich nicht schmecken...). Ungefähr ein Meter Zahnseide wurde mir zwischen den Zahnzwischenräumen durchgezogen. Die ganze Zeit über gurgelten und schnorchelten Absauger unterschiedlichster Größe und Form irgendwo in meinem Mund, saugten sich wie Egel an Zunge oder Gaumen fest und machten Geräusche wie eine Abwasserpumpe, die den allerletzten Rest aus einer Klärgrube herausholt. Und in den Pausen, wenn ich das mehr oder weniger appetitliche Zeug aus meinem Mund ausspülen durfte, unterhielt ich mich mit der Zahntechnikerin darüber, was denn nun unangenehmer sei: Zahnarzt, Urologe oder Gynäkologie. Ich blieb bei Zahnarzt, da ich die anderen beiden noch nie besucht habe und den letzteren hoffentlich auch nie besuchen werde (egal, wie sehr die Frauen aus der Gegend über ihn schwärmen...).

Zum Abschluss bekam ich noch eine Zahnpolitur, was mich irgendwie an das Deluxe-Wachsen von Autolack erinnerte, und eine Flour-Lösung, die meine Zahnleiste endreinigen, stärken und verschönern soll. Das obligatorische Zahnpastapröbchen durfte nicht fehlen, und wir vereinbarten gleich drei (!) neue Termine im Jahr 2013 - zwei Mal Prophylaxe-Untersuchung, und einmal Komplettreinigung (schon wieder). Und dann war ich fertig, mit sauberen, blitzblanken, bis in die Zwischenräume reinen und offenbar auch weißeren Zähnen.

Ehrlich gesagt, komme ich mir richtig dekadent vor.

Kommentare:

Loseblattsammlung hat gesagt…

Ich gehe gern zur professionellen Zahnreinigung. Und seit meine Zähne im Wesentlichen nicht mehr echt sind (Gottseidank, ein lang gehegter Wunsch hat sich erfüllt), gehe ich sogar fast gerne zum Zahnarzt, denn ich weiß, es gibt nichts, was noch wehtun könnte oder zwecks Verplombung aufgebohrt werden müsste.

Gabriela hat gesagt…

Sei froh, musst Du nicht auch noch zum Frauenarzt :)))
Steht bei mir auf gleicher Stufe wie der Zahnarzt.

Björn Schröbel hat gesagt…

Schöner Artikel, ich bin bereits mehrfach in diesen "Genuss" gekommen und ich glaube ich bin genausowenig ein Fan des Zajnarztbesuches wie Du...

:-)

SylviaS hat gesagt…

und jetzt müssen alle leute, die dich treffen eine sonnebrille tragen...wenn du lächelst ^^

sehr schön und anschaulich beschrieben, wenn man bei zahnarzt überhaupt von schön reden kann - ich hab mich quasi "dabei" gefühlt. und das war schon unangenehm.

das nächste mal gibt es dann noch eine unterbodenpflege und eine haarwurzelverpflanzung...ach was hast du geblecht für den service? ^^

Erik Nagel hat gesagt…

Ehrlich gesagt spekuliere ich eher auf ein Ganzkörper-Peeling und eine Zeh-Zwischenraum-Massage...

Ich kriege die Rechnung noch, aber mir wurden 60 Euronen angedeutet.

Gabi hat gesagt…

Oje Erik,

ein Thema, bei dem ich schon allein während des Lesens Schweißausbrüche bekomme! Ich habe drei Kinder geboren, was - bei allen dreien - wahrlich nicht leicht war und unvergleichlich in der Art der Schmerzen, die ein Körper fühlen kann. ABER auch ich habe diese Schmerzen nahezu vergessen, denn Mutterliebe überwiegt alles. Von meinen Zahnarztbesuchen habe ich keinen einzigen vergessen. Spritze hin oder her, schon das Bekratzen mit all den Folterinstrumenten ist für mich die Hölle.

Übrigens bin ich der Meinung, solltest du Schriftsteller/Redakteur werden. Oder bist du das vielleicht bereits? Du hast es ehrlich drauf! Toll geschrieben und so herrlich zum Schmunzeln!

Liebe Grüße

Gabi

RoM hat gesagt…

Sollte ich Dich ab jetzt mit "Mr. Teeth" ansprechen... :-)

Zuerst habe ich mich über Dein Abenteuer leicht gewundert - bis mir in den Sinn kam, daß Dein Job auch profesionelles Grinsen abverlangt. Klarer Vorteil mit gepimpten Beisserchen.