Sonntag, 8. Januar 2012

"Armageddon" - laut, patriotisch und 168 Fehler


Was tut man an einem Samstag Abend, wenn man richtig müde ist, niemand vorbei kommt, das Wetter mies ist und man auch sonst nichts wichtiges vor hat? Genau: Man schaut sich im Fernsehen "Armageddon" mit Bruce Willis an. Kann man ja eigentlich nichts falsch machen. Ich meine - Bruce Willis! Und für einen echt anspruchslosen Filmabend reicht das auch wirklich. Also habe ich das gestern getan. Aber ehrlich gesagt: Ich weiß heute (ich habe den Film schon eine lange Zeit nicht mehr gesehen) nicht mehr genau, warum ich ihn damals so toll fand.

Nach wenigen Minuten bereits fiel mir eine Podiumsdiskussion ein, die ich 1999 glaube ich führen durfte und an der Rolf Giesen teilnahm. Giesen ist so etwas wie der Guru der deutschen Fantastik-Film-Szene: in seinem Besitz befinden sich zahlreiche Filmrequisiten, zum Beispiel aus dem Original-King-Kong, und er kennt Filmgrößen wie Ray Harryhausen nicht nur persönlich, er ist mit ihnen befreundet. In dieser Podiumsdiskussion jedenfalls kam er auch auf "Armageddon" zu sprechen, und sein erster Satz war: "Dieser Film ist nur laut!"

Das Beste, was die Welt zu bieten hat...
Recht hat er. Die wenigstens Dialogzeilen werden gesprochen, sondern geschrien oder gebrüllt, und das macht sie wirklich nicht besser. Er ist irrsinnig hektisch geschnitten (nun gut, Ruhe soll er ja nun wirklich nicht ausstrahlen), und er ist eben auch sonst sehr laut, mit Explosionen, Krachen und Donnern und so weiter. Da hat man schon damals drüber gespottet: Wie kann es im Vakuum des Weltraums krachende Explosionen geben? Zur Ehrenrettung der Filmemacher um Michael Bay muss man sagen: Dass das nicht geht, haben sie schon gewusst, aber sie haben eben gesagt: "Es ist ein Film!" Nun gut. Da haben sie Recht.

Bruce Willis - natürlich mit Fahne
Aber ein Film braucht ein Drehbuch, und ich finde das von "Armageddon" heute schlecht (obwohl J.J. Abrams daran mitschrieb - aber er ist eben nur einer von sechs oder sieben gewesen, und schon das ist in der Regel kein gutes Zeichen). Ich rede nicht einmal von dieser Irrsinnsgeschichte, ein paar durchgeknallte Ölbohrer ins All zu schicken und ein Loch zu bohren - dafür ist es eben ein Film und keine Dokumentation. Aber dieser grausame Patriotismus! Wenn ich mal wirklich Lust auf Masochismus habe, werde ich sicherlich einmal durchzählen, wie oft die "Stars and Stripes" zu sehen sind. Am schlimmsten ist wirklich der Moment, als Liv Tyler direkt vor der riesigen Fahne steht - sollte das eine Anspielung auf "Patton" sein? Lustvoll wird die Zerstörung New Yorks zelebriert, während Paris - ausgerechnet Paris - mit einem simplen BUMM vernichtet wird. Und dann diese Schablonen-Figuren! Diese Klischees! Diese Dialoge!! ("Darf ich Ihnen die Hand geben? Denn Sie sind die Tochter des tapfersten Mannes der Welt!" - WÜRG!)

Fairerweise muss ich zugeben, dass der Film zumindest drei geile Szenen hat. Komischerweise die ersten beiden auch in der ersten halben Stunde oder so. Die erste ist Bruce Willis' Golfspiel auf der Bohrinsel und auf dem Greenpeace-Schiff einputtet - die macht wirklich Spaß und ist eine gute Idee! Die zweite ist die, in der die Ölbohrer ihre Forderungen an die Regierung aufmachen ("Sie wissen nicht zufällig, wer Kennedy erschossen hat?" "...und sie wollen von der Steuer befreit werden - für immer.") Und die dritte ist Steve Buscemis Ritt auf der Atombombe wie damals in "Dr. Seltsam..." (PS: Hier kommt die Klugscheißer-Information des Tages: Als Buscemis Charakter danach mit Klebeband gefesselt wird - und richtig lustig aussieht - entspricht das genau dem Protokoll der NASA, sollte einmal ein Astronaut durchdrehen.)

Vergeudetes Talent - Steve Buscemi
Wirklich schlimm finde ich die Figuren. "Armageddon" hätte einen Preis für die mieseste Vergeudung schauspielerischen Könnens verdient. Okay, von Ben Affleck kann man nicht mehr erwarten, er ist schlecht wie eh und jeh (merkt man, dass ich ihn nicht mag?), und auch Liv Tyler bringt nicht wirklich was. Aber Bruce Willis, Peter Stormare, Steve Buscemi, Will Patton, Jason Isaacs, Billy Bob Thornton... sie müssen wirklich viel Geld bekommen haben, um diesen Schrott mit solchem Text und derart schlechten Charakterzeichnungen zu spielen. Jeder einzelne kann deutlich mehr... Nun, das alles zeigt einmal mehr, dass Michael Bay weder Dialoge verfilmen noch Charaktere zeichnen kann, dafür aber bei der Action richtig reinlangt und damit recht eindrucksvoll aus einem schlechten Film wenigstens einen spektakulären machen kann.

Anerkennen muss man die Tricks. Ja, ich weiß, da gibt es auch andere Meinungen, aber ich finde sie gut (logische Fehler in Tricks darf man nicht kritisieren). Und wo wir gerade bei Fehlern sind: Ich bin der letzte, der einen Film danach beurteilt, wie viele logische, wissenschaftliche oder technische Fehler er enthält (außer Anschlussfehler, die sind ein Zeichen für einen schlampigen Regisseur). Aber diese Information fand ich dann doch sehr aufschlussreich und peinlich für Michael Bay und seine Drehbuchschreiber: Der Film wirbt ja unter anderem mit seiner Zusammenarbeit mit der NASA. Nun, die NASA selbst nutzt "Armageddon", um Mitarbeiter zu schulen, indem sie wissenschaftliche Fehler suchen lassen. Diese Mitarbeiter kommen auf 168 Fehler! Und das finde ich bemerkenswert: Die Spezialisten, die den Film unterstützten, attestieren ihm mehr Fehler als in der Mathearbeit eines wirklich, wirklich schlechten Schülers...

Da geht Paris dahin...

Aber für einen langweiligen Samstag Abend reicht es. Bruce Willis rettet die Welt - wenn man nicht mehr erwartet, dann ist "Armageddon" wenigstens etwas zum Angucken.

Kommentare:

RoM hat gesagt…

Bay bleibt Bay - Krawallkino für´s statistisch ermittelte Publikum. Was den intensiven Einsatz von buntem Flatterstoff angeht - im Geiste stehen die ehemaligen Kolonisten ein jedes Mal auf. Und vordergründig für den US-Markt wird angewärmte Luft wie dieser Streifen produziert. Panem et circensis.
Affleck kann auch überzeugen - als Darsteller wie als Regisseur.

Erik N. hat gesagt…

Was Ben Affleck angeht: Das ist natürlich Geschmacksache. Aber ich fand ihn nicht mal in "Good Will Hunting" gut (falls du den meintest) oder in "Dogma". Ich mag den Kerl einfach nicht, punkt (ganz anders sein Buddy Matt Damon - der hat echt was auf dem Kasten).

RoM hat gesagt…

Richtig schlecht spielt er in PEARL HARBOR - ganz im Gegenteil zu HOLLYWOODLAND. Nein, ich meinte eher Filme wie GONE BABY GONE oder THE TOWN.
Aber das mit der Abneigung kenne ich auch - Jack Nicholson kann ich nur schlecht ertragen.