Dienstag, 30. August 2011

Die "ZEIT" und das Arschloch

Eigentlich darf ich sowas ja gar nicht schreiben, weil ich erstens ja selber ja mal als Journalist tätig war und zweitens als Pressesprecher, der ich heute bin, lieber nicht über Journalisten meckern sollte. Aber andererseits: Von der Tätigkeit und dem Selbstverständnis vieler Journalisten halte ich nichts. Passend dazu folgendes Beispiel: Ein Artikel, der heute auf "ZEIT Online" erschienen ist. "Verfasser" dieses Artikels - der übrigens nach geharnischten Protesten von Lesern umbenannt wurde; zuerst hieß er "Der Ersatz-Hitler aus dem All" (sic!) - ist ein Herr namens Johannes Thumfart, offenbar ein Pseudo-Feuilletonist, der in meinen Augen in jeglicher Hinsicht miesen Gossen-Journalismus betreibt. Den Artikel kann man hier lesen...

Für diejenigen, die jetzt nicht genau wissen, worum es eigentlich geht: Thumfart schreibt über die Science-Fiction-Serie "Perry Rhodan", die in Form von Romanheftchen, im Volksmund gerne "Groschenheftchen" tituliert, seit langem schon Literaten, Kunsthistoriker und Kritiker, wie eben Thumfart, zu Hetztiraden hinreißt. Diese Besserwisser verkennen dabei nun eines: Die Serie feiert dieser Tage ihr 50-jähriges Jubiläum, mit fortlaufender (!) Handlung, inzwischen mehr als 2600 Hefte, nicht zu vergessen die "Atlan"-Serie (850 Folgen), Taschenbücher, Hardcover, Lexika, Bildbände, Computerspiele und und und... Jetzt sagen nackte Zahlen natürlich nichts über die Qualität der Serie aus, aber ich stehe auf dem Standpunkt: Kann eine Serie, die so etwas erreicht, schlecht sein? Nein! Nichts, was schlecht ist, hält sich 50 Jahre beim Konsumenten!

Aber nun Thumfart! Der nutzt die Gelegenheit, eine Fernsehdokumentation über die Serie, die ich zugegebenermaßen nicht kenne (die Fernsehdokumentation meine ich), so zu besprechen, dass ein Totalverriss der PR-Serie, die er zugegebenermaßen nicht kennt (!), sowie eine Verunglimpfung ihrer Macher wie auch der Fans daraus wurde. Ich zitiere: "Es waren Jäger, Liebhaber von Militaria, ehemalige Kriegsgefangene, die sich in ihren dunklen Wohnzimmern konspirativ bei Leberwurstschnittchen zusammen fanden." Okay, das mag so sein - aber muss es so klingen, als wäre es verwerflich? Zum Beispiel "Jäger" - ich nehme an, er meint damit den früheren Titelbildzeichner Johnny Bruck, der tausende Titelbilder zeichnete, aber eben auch Jäger war, aber der Legende nach nur selten was schoss, weil er während des Wartens auf dem Hochstand sich die Zeit mit Zeichnen vertrieb und darin so aufging, dass Reh, Wildschwein und Fuchs ungestört Partys darunter feiern konnten - und der wundervolle Bilder schuf, eben nicht nur für Perry Rhodan, sondern auch für Naturbücher, für die er beinahe fotorealistische Gemälde lieferte. Und ehemalige Kriegsgefangene ... Erstens: Ist daran auch nur irgendetwas Verwerfliches oder gar etwas, worüber man sich lustig machen kann? Und wenn Thumfart mit nur ein wenig Wissen um die Kriegserlebnisse eines Walter Ernstings oder Karl-Herbert Scheers betreffende Romane aufmerksam gelesen hätte, dann hätte er vielleicht gemerkt, dass diese Romane trotz Krieg und Waffengetöse auch zutiefst humanistisch waren. Klar, bei Scheer wurde viel geballert und gestorben - aber nichts (!) daran war heroisch. Und Ernstings Schöpfungen Gucky oder Icho Tolot sind häufig menschlicher als ihre menschlichen Protagonisten.

Schlimm auch, wie sehr Thumfart die Leser beleidigt: Beim Lesen der Serie das Trauma zweier verschuldeter und verlorener Weltkriege verarbeitet - ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber das heißt doch, die Serie wurde von Nazis, Nationalisten, Revanchisten und Ewig Gestrigen gelesen, oder? Ich lese sie auch - ich bin ein Nazi??? Spinnt der Kerl? (Offenbar...) Aber er meint es ernst: Er setzt PR mit nationalistischer Propaganda gleich, attestiert der Fan-Gemeinde etwas "Monströses und Tragisches"... Ich kenne viele Leser der Serie, die mit solch gequirlter Scheiße des Verfassers nicht das Geringste zu tun haben! Es sind Studierte, Akademiker, Polizisten, Beamte, Arbeiter, sie sind sozial engagiert, haben Familie, Kinder... Natürlich gibt es auch andere, so blauäugig bin ich nicht, dass ich das Fandom für eine Insel der Glückseligkeit halte. Aber das trifft auf die gesamte Gesellschaft zu - und auch auf die "ZEIT", die, wie dieser Artikel zeigt, eben auch Idioten als Mitarbeiter hat.

Perry Rhodan - kulturelle Verirrung! PR ist "Schund", ein "fehlerhaftes mutiertes Kulturgut" - das schreibt der Typ wirklich! Und dann zum Schluss endlich der Beleg für diesen geistigen Schwachsinn, der der Artikel von vorne bin hinten ist: "Lektüre (kommt) nach wie vor nicht in Betracht...". Na gratuliere, Herr Thumfart! Das ist natürlich ein hervorragender Ansatz für eine gute Berichterstattung. Dass dabei Müll herauskommt, war klar - er hätte das am Anfang schreiben sollen, dann hätten ich und viele andere diesen Artikel nicht gelesen.

Aber das wirklich Verwerfliche ist folgendes: Die "ZEIT", eine der besten Zeitungen Deutschlands, veröffentlicht einen Artikel eines Schmierfinken (ich weigere mich, den Typen Journalisten zu nennen, das empfinde ich als Beleidigung) zu veröffentlichen, der sich im weitesten Sinne mit einem Thema befasst, das dieser Knilch so abartig findet, dass er sich nicht mal damit beschäftigen? Wie bitte schön soll das gehen? Da ist doch vorher klar, was dabei herauskommt - ein Verriss ohne Kenntnis der Materie.

Auf jeden Fall aber eines: Noch NIEMALS habe ich erlebt, dass der Artikel eines Journalisten veröffentlicht wird, der in diesem Artikel selbst (!) zugibt, dieses Thema nicht zu kennen, es nicht kennen zu wollen und es sowieso für schlecht zu halten, obwohl er - wie gesagt - überhaupt nichts darüber weiß!

Gratuliere, "ZEIT"! Spitzenleistung des Journalismus! Wenn mein alter Chefredakteur mich dabei erwischt hätte, dass ich über etwas kommentiere, das ich nicht kenne - rausgeschmissen hätte er mich!

Ach, ja - für Herrn Thurmfart habe ich auch eines. Ich habe PR gelesen, bin aber kein tumber Nationalist, schräger Nerd oder hippiesker Drogen-Pazifist. Im Gegenteil, ich halte mich für einen recht aufgeklärten, weltoffenen und vor allem toleranten Menschen - vor allem das letztere spreche ich Herrn Thurmfart ab. Oder um es wie einst Joschka Fischer zu Richard Stücklen sagte: "Mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch!"

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Super Artikel.
Und ich habe PR auch gelesen, bin aber kein tumber Nationalist, schräger Nerd oder hippiesker Drogen-Pazifist, sondern selbstständig berufstätig, habe ein Haus, eine Frau und Kinder, Freunde und spende öfter mal Geld. Desweiteren habe ich einen Studienabschluss.

Anonym hat gesagt…

Hallo, für mich hat dieser Herr Thurmfart mit diesem Artikel in der Zeit alle Fans bzw. Leser der PR-Serie auf's Übelste beschimpft und verunglimpft. Eine Schlamperei dieser Zeitung ohnegleichen und ein absolut unwürdiges, schlechtes Beipiel von "Journalismus".

Anonym hat gesagt…

Wo unterscheidet sich der Journalist von Deinem Artikel über den Fanfilm. Bist nicht einen deut besser.
Ich glaube nämlöich dass der lange Trailer den die Fanfilmer bei Youtube hinein gestellt haben, nur der Beweis für dessen Fertigstellung ist.
Übrigens hat Thunack nie Leute beleidigt, sondern er wünscht eine faire Behandlung,ich glaube dass er weiß, dass nicht jeder sein Werk toll finden wird, aber daraum geht es doch gar nicht, er liebt Rhodan und Du doch auch.

Erik N. hat gesagt…

Der wesentliche Unterschied - offenbar ist er dir entgangen - zwischen mir und dem Journalisten ist der, dass ich das Metier zumindest ansatzweise kenne, über das ich mich auslasse, und er nicht, was er auch zugibt. Ich las und lese die Serie, ich kenne einen ganzen Teil der Macher persönlich, und ich kenne viele Fans - er nicht. Dennoch bewertet er. Das kritisiere ich!