Freitag, 14. September 2012

Begrenztes Mitleid

Vor dreieinhalb Jahren bemerkte ich bei der Arbeit, dass meine alte Brille mich nicht mehr unbedingt voll unterstützte. Ich arbeite ja fast den ganzen Tag am Computer, und das tut den Augen nur bedingt gut. Meine Brille wiederum hat nicht wirklich viel Stärke, aber es war schon zu spüren, dass da was nicht so ganz passte. Also beschloss ich, mich mal wieder untersuchen zu lassen. Die davorige Augenuntersuchung lag ohnehin schon mehrere Jahre zurück, und so dachte ich, es kann nicht schaden, das mal wieder kontrollieren zu lassen.

Allerdings war ich zwischenzeitlich umgezogen, ergo brauchte ich einen neuen Augenarzt. Ich beschloss bei der Praxis anzurufen, in der meine damalige Frau auch behandelt wurde. Als ich der Dame am anderen Ende der Leitung nun erklärte, ich würde gerne neuer Patient in dieser Praxis werden, stellte sie mir eine Frage, bei der ich sofort wusste, dass dies nicht so einfach werden würde wie gedacht: "Sind Sie privat versichert?" Ehrlich wie ich bin, verneinte ich das und bereitete mich auf das Schlimmste vor.

Wie schlimm es wurde, konnte ich jedoch nicht einmal erahnen. "Wir nehmen keine neuen Patienten an!", scholl es barsch aus dem Hörer. Ich war zunächst sprachlos. Dann begann ich aber zu diskutieren: Meine Frau wäre doch aber Patient der Praxis, die Kinder ja auch, da könnte man mich doch auch noch nehmen. Tatsächlich ließ sich die Dame erweichen - nur um mir dann den KO-Schlag zu versetzen: "Kommen Sie mal Anfang des nächsten Quartals", sagte sie. Aha, dann würde ich also einen Termin für das nächste Quartal bekommen? Nein, lautete die Antwort: "Dann haben wir den Kalender für das nächste Jahr, da können wir Sie dann vielleicht noch irgendwann reinschieben."

Diese runterputzende Behandlung als Patient zweiter Klasse machte mich so wütend, dass ich ins Nachbarbüro zu meinem Kollegen ging und dort meinem Zorn Luft machte. Als ich damit fertig war, meinte er auf einmal: "Eigentlich müsste ich auch mal wieder zum Augenarzt, und im Moment habe ich auch keinen. Ich rufe da auch mal an." Das tat er, keine zehn Minuten nach meinem Anruf, mit derselben Telefonnummer, in derselben Praxis. Nur: Er ist privat versichert.

Ich mache es mal kurz: Der einzige Grund, warum er nicht noch in derselben Woche einen Termin bekam, war der, dass es Donnerstag war, er an diesem Tag keine Zeit hatte und die Praxis am Freitag geschlossen ist. So kam er "erst" in der folgenden Woche am Dienstag ran (Montag hatte er nämlich auch keine Zeit...). Ich als Kassenpatient hätte dagegen mehr als ein Jahr warten und darüber hinaus auch noch dankbar sein müssen, dass sie mich überhaupt behandelt hätten. Ich war dann doch bei einem anderen Arzt, der mich aber auch nur deswegen nahm, weil er gerade erst seine Praxis eröffnet hatte...

Wenn ich an diese Geschichte denke, die sich so oder ähnlich bei anderen Ärzten ebenfalls abspielte, dann hält sich mein Mitleid und mein Verständnis für die niedergelassenen Ärzte, die zurzeit mit den Krankenkassen um steigende Honorare zanken, mit deren Angebot nicht zufrieden sind und zur Durchsetzung ihrer Milliardenforderung ihre Praxen schließen wollen - also praktisch Streik - wirklich in sehr engen Grenzen.

Kommentare:

RoM hat gesagt…

Ich denke die exakt selbe Leistung, nur mit Kundenservice (!) erhälst Du bei jedem guten Optiker. Fachärzte der Augenheilkunde sind eher die Meister der schnittigen Unnütz-Operation.

Anonym hat gesagt…

Hallo Erik, ich teile deine Meinung zur Widersprüchlichkeit der Ärzte. Allen geht es nur noch ums eigene Geld& nicht der Mensch steht im Vordergrund. Das ist tragisch! Ps: schöner Blog, hab Dich übers Freizeitcafe entdeckt liebe grüße valerie

Erik Nagel hat gesagt…

Besten Dank :-) Ich würde mich freuen, wenn du öfter mal hier vorbei schaust!