Samstag, 22. September 2012

Einfach verlogen

Ich hatte ja schon immer meine Meinung zu den Piraten, und die war nicht unbedingt gut. Ein wenig habe ich Ihnen immer noch den Bonus der Neuen, im Politikbetrieb Unerfahrenen zugestanden und ihr gelegentlich dilettantisches, oft peinliches und meist fernab der Realität existierendes Handeln zwar amüsiert, aber auch nachsichtig registriert. Jetzt nicht mehr. Die Piraten haben in meinen Augen so sehr an Glaubwürdigkeit verloren, ich kann ihnen oder zumindest einen Teil von ihnen nur noch Heuchelei und Verlogenheit vorwerfen.

Es geht natürlich um Julia Schramm und ihr Buch "Klick mich". Um es vorweg zu nehmen: Ich werde es nicht lesen. Sollte es nur ansatzweise so geschrieben sein wie ihr selbst verfasster "Lebenslauf" in der FAZ, dann glaube ich nicht, dass ich es lange aushalten würde. Dazu passt auch die süffisante Besprechung von SPIEGEL-Online, nach der die Kulturredaktion des SPIEGEL die Besprechung wegen "Schülerzeitung"-Niveau des Werkes verweigerte. Offenbar hat das dann die Netzredaktion übernommen und kommt zum Fazit: "Schwall aus Platitüden". Doch trotzdem hat die selbsternannte "Privilegienmuschi" es geschafft, ihr Geschreibsel deutschlandweit bekannt zu machen.

Die Netzaktivistin und Vorzeigepiratin Schramm hat ihr Buch nämlich im Knaus Verlag veröffentlicht, der es vertreibt. Das ist nichts Schlimmes. Kurz nach Veröffentlichung tauchte es dann als kostenloser Download im Internet auf. Das ist witzig und sollte im Interesse der Piraten sein, die für freien Zugang zu Wissen und Medien eintreten. Allerdings wurde der Download kurz darauf vom Verlag unterbunden, bzw.von Frau Schramm selbst. Der Löscheintrag lautet: "This file is no longer available due to a takedown request under the Digital Millennium Copyright Act by Julia Schramm Autorin der Verlagsgruppe Random House."

Also zum Mitschreiben: Julia Schramm ging dagegen vor, dass ihr Werk, ihr geistiges Eigentum, im Internet kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde.

An sich immer noch nicht schlimm.

Schlimm wird es aber, wenn man sich daran erinnert, dass Julia Schramm vor gar nicht allzulanger Zeit die Idee des geistigen Eigentums noch als "ekelhaft" bezeichnete. Schlimm wird es auch, wenn man bedenkt, dass Julia Schramm dritte Beisitzerin im Bundesvorstand der Piratenpartei sitzt, einer Partei, in deren Programm es explizit heißt: "Daher fordern wir, das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur zu legalisieren, sondern explizit zu fördern...". Wenn man böswillig ist, kann man das so übersetzen: Die Piraten oder zumindest einige führende Köpfe setzen sich dafür ein, dass der Diebstahl von geistigem Eigentum legalisiert wird, außer natürlich, es geht um das eigene geistige Eigentum.

Ehrlich gesagt, möchte ich böswillig sein. Ich unterstelle Julia Schramm nämlich niedrigste Motive. Sie lässt sich vom Verlag nicht schlecht für das Buch bezahlen; angeblich hat sie einen Vorschuss über 100.000 Euro bekommen. Und für 100.000 Euro kann man seine Prinzipien schon mal verraten, oder?

Aber was sind denn die Prinzipien von Julia Schramm? Liest man ihren "Lebenslauf", fällt auf, dass sie mit leeren und hochtrabenden Worthülsen nur so um sich schmeißt. Mein alter Deutschlehrer sagte einst: "Wer viele Fremdwörter benutzt, will damit nur verschleiern, dass er sich nicht klar ausdrücken kann." In der vierten Klasse will sie das dreigliedrige Schulsystem abgelehnt, mit 16 den Hedonismus als Lebensphilosophie entdeckt haben. So schwülstig und selbsverliebt liest sich auch der Lebenslauf vom Kim Jong Il. Darüber hinaus hat sie eine Vorliebe für das "Post Editing", also das nachträgliche Ändern ihrer eigenen Aussagen. Der FAZ gegenüber sagte sie: "In gewissermaßen hegelscher Dialektik befinde ich mich im Augenblick in der Negation der Negation", was dann so übersetzt wurde: Mal meine ich das eine, mal das andere. Von einer glühenden Gegnerin des Datenschutzes entwickelte sie sich nach einer Zugfahrt mit dem FDP-Innenminister Gerhart Baum zu einer Verfechterin desselben - wobei sie der FAZ nach Veröffentlichung dieser Anekdote vorwarf, das sei ja nun doch ein wenig anders gewesen, und im übrigen würde die FAZ Zitate manipulieren oder gar erschleichen.

Wer so indifferent mit seinen Meinungen und Aussagen umgeht, zu dem passt auch die Aussage, die Idee eines geistigen Eigentums sei "ekelhaft" - wer selber keines entwickelt, sondern es sich immer passend nach Lust und Laune aneignet, muss echte geistige Errungenschaften ja abstoßend finden (BTW: Haben sich die Piraten eigentlich mal zu Guttenberg geäußert?).

Und abstoßend fand ich auch die Reaktion der Oberpiraten. Die haben nämlich verlauten lassen, dass das Handeln von Julia Schramm der Autorin nichts, aber auch gar nix mit dem Handeln von Julia Schramm der Piratin zu tun hat und dass es außerdem gut ist, weil diese Aktion die Diskussion um eine Reform des Urheberrechts wieder vorangetrieben hat. In einem Radiointerview mit "radio eins" brachte ein Funktionär der Partei diese Plattitüde auch an, woraufhin der Moderator den oben erwähnten Parteiprogrammpunkt zitierte. "Aber die FDP und die GEMA...", hob der Pirat an zu lamentieren, woraufhin der Moderator kaltschnäuzig konterte: "Um die FDP geht es nicht, sondern um Julia Schramm." Die hätte damit einen Fehler gemacht, gab der Pirat schließlich kleinlaut zu.

Der könnte sogar noch größer und für die Piraten verheerender sein, wie ich einem Artikel der Frankfurter Rundschau entnahm. Der Knaurs Verlag, der "Klick mich" vertreibt, gehört zur Verlagsgruppe Random House und die wiederum zu Bertelsmann. In NRW planen Piraten nun eine Initiative gegen den Mediengiganten - die angeblich 100.000 Euro, die Bertelsmann einer führenden Piratin für ihr Buch gaben, bekommen da möglicherweise eine ganz andere Bedeutung. Merke: Wes' Brot ich ess, des' Lied ich sing!

All das ficht Julia Schramm nicht an. Die Meister-Bloggerin und Twitterin sagte zum Buch, so etwas wäre schon immer ihr Traum und außerdem ein interessanter Ausflug in den Bereich des Kapitalismus gewesen, sozusagen das Unterminieren des so verhassten Verlagswesen, das sie sich auch noch gut bezahlen ließ. Sie findet es auch gut, dass der Verlag außerdem nicht gleich verklagt, sondern nur verwarnt. Das sei ein "Zeichen in der politischen Debatte". Vom freien Zugang und nichtkommerziellem Kopieren ist keine Rede mehr. Eigenes Wissen verkaufen und fremdes klauen zu wollen, das passt wohl nur bei den Piraten zusammen.

Sorry, aber ich finde diese Einstellung gerade bei den führenden Köpfen dieser Partei zutiefst verlogen.

Kommentare:

RoM hat gesagt…

Sollte uns besagte Entwicklung wirklich überrascht haben... ;-)
Forderungen, Einstellungen, Utopien ohne einen Fuß in der Realität - melangiert von Möchtergerns, die alsbald die Fleischtöpfe des Politadels wittern. Zu Zeiten der Studentenbewegung gab es ähnliche Wirrnis im Bild einer gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Konfusion zur Ideologie erhoben hat noch kein Brot in den Ofen gebracht.

Die Piraten zur See waren anno Tobak ein besser organisierter Haufen, als die modernisierten Absahner.

Ich liebe es übrigens, wenn in Radiointerviews nachgehakt wird. Ein "würden sie dennoch zu meiner Frage kommen" bringt auch alte Schlachtrösser aus dem Trab der Worthülsen.

Beobachten wir einfach wie lange die maritimen Säbelraßler noch bis Waterloo brauchen.

SylviaS hat gesagt…

tja, sobale es um die eigenen kröten im portomonaise geht, hört alles auf was vorher war...heuchelei pur...

ps: sehr gut geschrieben! hast du irgendwas an der schriftfarbe geändert? ich hab direkt ohne augenkneifen alles im rutsch lesen können ^^

lg socke

Steve Wagner hat gesagt…

Ja aber was hat das mit den Piraten zu tun? Sowas gibts in jeder Partei. Schlimmer noch, die Protagonisten der großen Parteien haben einfach schon Übung darin so etwas zu vertuschen.

Die Priaten sind noch wie Kinder und machen viel Unsinn. Aber auch wie Kinder können sie noch zu ordentlichen Erwachsenen Heranwachsen.

Trotz des ganzen hin und her um einzelne Mitglieder, steckt in der Partei denn noch Potenzial. Ob dies jemals zum tragen kommt, ist eine andere Frage.

Erik Nagel hat gesagt…

Also jetzt nenne mir mal bitte ein Beispiel einer "großen" Partei, in der ein Vorstandsmitglied so sehr gegen einen eigenen Grundsatzbeschluss verstößt und das auch noch in Ordnung findet...

Vielleicht wachsen sie noch heran, ich weiß es nicht. Aber gegen ein System zu wettern, es für falsch und "ekelhaft" zu halten und in dem Moment, in dem man der eigenen Linie treu sein kann, ja muss, zum Teil dieses System zu werden, weil es dem Geldbeute gut tut - ich bitte dich!