Montag, 15. Oktober 2012

Sinnlose Höhenflüge

50 Millionen - was kann man dafür alles machen? 50 Millionen sind ungefähr der Sozialetat eines ganzen Jahres in einem durchschnittlichen Landkreis in Deutschland. Für 50 Millionen könnte man ein Jahr lang das Schulessen für etwa 50.000 Schüler hierzulande komplett bezahlen - und zwar zu einem höheren Preis als üblich. Caritas International hat einen jährlichen Etat von 50 Millionen, mit denen die Organisation in der Dritten Welt bei Notlagen tätig ist. Man kann für 50 Millionen in Afrika ungefähr 3.300 Brunnen bohren, die etwa 66 Millionen Menschen mit Wasser versorgen könnten. Über Unicef kann man damit fünf Millionen Kinder in der Dritten Welt gegen Malaria behandeln.

Man kann aber auch einen Fallschirmsprung machen, um ein paar Rekorde zu brechen...

Der teuerste Basejump der Welt (Screenshot www.redbullstratos.com)


Okay, es ist klar: Auch ich komme an Felix Baumgartner und seinem von Red Bull gesponserten Ausflug in die Hochatmosphäre nicht herum. Ich kann nur den Kopf schütteln: Warum macht man das? Warum muss man aus der Höhe abspringen, für 50 Millionen Euro? Gibt es nichts Wichtigeres, wofür man das Geld ausgeben kann?  Denn seien wir doch mal ehrlich: Abgesehen davon, dass das Ego eines Selbstdarstellers gestreichelt wurde und Red Bull weiterhin mit "Red Bull verleiht Flügel" werben kann (was hätten sie nur gemacht, wenn es schief gegangen wäre?), hat dieser Sprung keinen Wert.

Ja, ich habe auch gelesen, dass ein NASA-Astronaut den wissenschaftlichen Nutzen dieses Irrsinns betont hat, von wegen Erfahrungen beim Absprung aus großen Höhen oder ein besserer Schutzanzug für solche Fälle. Diese Aussage wage ich zu bezweifeln. Die Erfahrungen, die man angeblich machen wollte, hat Baumgartners Mentor Joe Kittinger schon in den 60er Jahren gesammelt. Diese Versuche - Projekt Excelsior - hat man anschließend eingestellt, weil man keine neuen Ergebnisse mehr erwartete. Abgesehen vom Schutzanzug - und etwa 3000 Meter mehr Höhe - hat Baumgartner auch nix Neues mehr dazu beisteuern können, und einen Schutzanzug, nun den kann man auch auf der Erde testen, da muss man nicht so hoch fliegen.

Wenig hilfreich bei der ganzen Aktion waren auch die Kommentatoren von n-tv, die das Geschehen zu erklären versuchten. Da fielen Sätze wie "Er ist auf dem Weg ins All" oder "Mission to the Edge of Space" und so weiter und so fort. Auf die Gefahr hin, nun wieder als Klugscheißer vom Dienst zu gelten: Die  Fédération Aéronautique Internationale, zu deutsch Internationale Aeronautische Vereinigung, als maßgebliche Organisation hat die Grenze zum Weltall bei 100 Kilometern Höhe festgelegt (übrigens kein willkürlich festgesetzter Wert, sondern durchaus begründet, wie man hier nachlesen kann). Bei der NASA bzw. der US Air Force war man schon bei 80 Kilometern Höhe im Weltall. Aber selbst das ist immer noch deutlich (!) höher als die knapp 40 Kilometer, die Baumgartner erreichte. Nun macht sich ein solcher Werbeslogan zwar sehr schön und sieht auch sehr protzig aus - aber muss man deswegen die Generation RTL2 noch weiter verdummen?

Was bleibt unterm Strich? Tatsächlich nur eine gigantische Werbeaktion, von der sich der Sponsor noch gigantischere Einnahmen verspricht, sowie ein Extremsportler, der einmal mehr aus seinem Hang zur exhibitionistischen Selbstzerstörung Kapital schlagen kann. Oder wie sonst soll ich einen Mann verstehen, der einen Basejump vom Zuckerhut in Rio mit folgenden Worten kommentierte: "Ich meine, es lohnt sich nie, bei einem Sprung zu sterben. Aber wenn du beim Sprung von der Jesusstatue in Rio abfuckst, hat das wenigstens eine gewisse Glorie."

Und doch: Ich gebe zu, auch ich habe den Sprung live gesehen.  Mit einer gewissen morbiden Faszination: Schafft er's? Oder bekommen wir den teuersten Flachköpper der Welt zu sehen?

Kommentare:

Wxnzxn hat gesagt…

Ich kann zwar durchaus verstehen, warum man das Argument des "Geld besser nutzen" anbringt, wenn es an solche Aktionen geht, aber ehrlich gesagt halte ich es nie für besonders stichhaltig.

Um ein Beispiel aufzugreifen - In vielen Gegenden Afrikas fehlt es Hilfsorganisationen weniger an Geld - das ist oft genug vorhanden - sondern an Infrastruktur, Fachkräften und politischer Stabilität. Dies ist natürlich keine Verallgemeinerung, die Situation in Afrika is schließlich keine Einheitliche.

Worauf ich hinaus will ist: Geld ist kein Zaubermittel. Zu sagen "das Geld hätte besser verwendet werden können", finde ich unpassend. Die Frage muss nämlich sein: Was hätten die Ingenieure und Fachkräfte statt diesem Projekt gemacht, wenn es nicht stattgefunden hätte? Was wäre tatsächlich an Arbeit anderes geleistet worden? Die Werte die wir erschaffen zählen nämlich, und nicht das Geld das sie repräsentiert. Und darauf weiß ich, zugegebenermaßen, auch keine Antwort - ich weiß im Mement nicht einmal wie groß das Team etwa war.

Ich weiß allerdings, dass diese Ballontechnologie seit den 60ern in einigen Kreisen wieder an Bedeutung gewinnt, und zwar etwa im Gespräch für Weltraum(nahen)tourismus. Dabei sind bemannte Missionen derartiger Art immer wichtig für die Weiterentwicklung. Die gewonnene Erfahrung muss ja nicht immer bleeding-edge und revolutionär sein. Allein das hier Ingenieure sich mit einem derartigen Projekt auseinandersetzen konnten, bedeutet schon eine Förderung der Wissenschaft. Die neuen Techniken für Druckanzüge sind dabei immer zunächst nur das Sahnehäubchen.

Nun kann man dem Thema Weltraumtourismus natürlich auch grundlegend kritisch gegenüberstehen. Aber ich glaube das sowohl solche Projekte, als auch reine "Prestigemaschinen" wie extreme Rekordversuche usw. ihren eindeutigen Sinn haben, in unserer Welt.

Seit wir dank unserer Überproduktion in der Lage sind Kunst und Kultur zu betreiben, haben wir Menschen nach den Grenzen unserer Fähigkeiten gesucht. Eine Kathedrale zu bauen war kaum mehr als Penisvergleich zwischen Städten, aber wer kann behaupten, dass sie nicht eine erstaunliche Wirkung haben, wenn man in ihnen steht? Wer kann behaupten, dass die Architektur, Kunst und Menschlichkeit nicht davon profitiert hätte?

Wenn Menschen bei so etwas mitfiebern, wir zelebrieren was uns in den Grenzen des Möglichen möglich ist, Rekorde suchen, dann ist dies alles wichtiger Teil der kollektiven Bewusstseinsbildung einer Gesellschaft. Wie bedeutsam kann ein Bild im Leben sein, wie eben auch das eines Mannes, der scheinbar wie aus dem Weltall auf die Erde springt, live übertragen in einem neuen Medium für die ganze Welt? Wie bedeutend kann etwa auch das Gefühl sein, die Welt von Oben betrachten zu können, ohne Grenzen, ein kleiner Brocken Staub in der Unendlichkeit, und doch die Grundlage aller menschlichen Zivilisation?

Wenn wir diese Eigenschaft verlieren, dieses scheinbar sinnlose Suchen nach Grenzen unserer Möglichkeiten, dann können wir auch gleich dieses Projekt Kultur aufgeben, und auf die Bäume zurück kehren, bis die nächste Katastrophe das Leben auf der Erde mal wieder fast in die Nichtextistenz katapultiert. Visionen sind wichtig, so sinnlos sie auch oft zu sein scheinen. So wie auch Grundlagenforschung.

Erik Nagel hat gesagt…

Der Vergleich, was man mit 50 Millionen Euro alles anstellen kann, ist natürlich plakativ, ungefähr so plakativ wie die Frage, was die Techniker beim Projekt sonst gemacht hätten. Es ging auch eher darum mal zu sagen, wie viel Geld hinter einer abstrakten Summe steht.

Und ich habe auch überhaupt nichts gegen Grundlagenforschung, im Gegenteil. Ich stehe nur auf dem Standpunkt, dass dabei wenigstens etwas annähernd Sinnvolles heraus kommen sollte. Das ist hier meiner Meinung nach nicht der Fall.

Es gab keinen Erkenntnisgewinn. Ballone sind schon höher geflogen, auch bemannt; dass man Fallschirmabsprünge aus dieser Höhe überleben kann, ist auch nichts Neues; vier Minuten freier Fall sind für die Wissenschaft ohne Wert. Für den Ballon benutzte man Techniken und Materialien, die seit 60 Jahren unverändert im Einsatz sind. Die Kapsel hatte mehr Kameras als sonstige Messinstrumente an Bord, und die hätte man auch unbenannt hochschicken können). Baumgartners Anzug war in Teilen verbesserte Technologie, aber wie bereits im Post geschrieben: Mann muss nicht aus 40 Kilometern Höhe abspringen, um das zu testen. Es bleiben unter Strich "nur" drei Weltrekorde als wichtigstes Ergebnis dieser Aktion.

Ich stimme insoweit zu, dass wir Menschen Rekorde und Höchstleistungen brauchen, um etwas zu haben, an dem wir uns aufrichten und orientieren können. Rekorde bringen unter Umständen uns auch voran. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, wie sinnvoll ein Rekord sein darf und wie hoch der Einsatz dafür sein sollte. Und ich halte es nach wie vor für Größenwahn, 50 Millionen zu bezahlen, um aus 40 Kilometern mit dem Fallschirm abzuspringen mit dem einzigen Ergebnis, dass anschließend jemand sagen kann: "Ich habe es geschafft."

Wxnzxn hat gesagt…

Fair genug. Ich finde es auch durchaus wertvoll für die Diskussion rund um die Aktion, dass es auch solche Artikel wie jetzt deinen gibt. Und dir deine Meinung nehmen will ich weder, noch könnte ich es, würde ich es wollen.

Ich persönlich bleibe auch bei der meinen. Ich habe gesehen wie manche Menschen in meinem weiteren Umfeld auf die Aktion reagierten, und ich glaube durchaus daran, dass auch wenn "alte" Techniken benutzt wurden, das Ingenieurteam mit neuen, praktischen Erfahrungen das Projekt verlässt.

Sebastian hat gesagt…

Die Rechnung war einfach ganz einfach: Einsatz 50 Mio. Euro, erwarteter Return-of-Invest 100 Mio. Euro (Stand nach dem Sprung) - also hat sich das Ganze für RedBull gelohnt.

Solche für-das-Geld-hätte-man-so-viel-Gutes-tun-können - Ansätze finde ich immer etwas zweifelhaft. Red Bull ist ein Unternehmen das Geld verdienen muss und das hat es hier getan. Wenn ein Investor ein Gebäude baut und damit Geld verdient, beschwert sich keiner, aber mit 3.300 Brunnen hätte man kein Geld verdient - und die anderen Sponsoringleistungen von Red Bull, die mit solchen Aktionen auch finanziert werden, zumindest behindert.

Trotzdem finde ich diese Summe auch unverständlich.