Sonntag, 5. Februar 2012

"Galileo" kann nicht rechnen

Bin eben beim Zappen wieder einmal bei "Galileo" hängen geblieben, also jenem "Wissenschaftsmagazin", wo der Dauergrinser Aiman Abdallah gerne mal von "Die Welt besser verstehen" schwadroniert. Das würde man der Sendung auch gerne mal wünschen, denn heute wurde das Fehlen elemantarsten Grundwissens eindrucksvoll bewiesenen. Allerdings gut getarnt, ich habe selbst etwas gebraucht, um den Bock zu sehen, denn die Leutchen geschossen haben.

Zumindest am Anfang sah der Beitrag ja auch ganz witzig aus, weswegen ich dort eine Weile zuschaute. Es ging darum, was ein Einkaufswagen aus dem Einkaufszentrum so aushält. Also ob man eine Abrissbirne mit circa einer Tonne Gewicht hineinpacken kann, ohne dass er zusammenbricht (Antwort zumindest beim Experiment: Ja), mit welcher Geschwindigkeit man ihn bewegen kann (Antwort: vom Pferd oder Auto gezogen schafft er im Film-Experiment bis zu 40 Stundenkilometer) und was passiert, wenn er von einem Auto gerammt wird (Antwort: Er geht kaputt, der Inhalt auch, aber wundersamerweise sind die Rollen heile - ein echt überraschendes Ergebnis). Wie gesagt, ganz witzig, abgesehen davon absolut blödsinnig, hilft niemanden weiter und bringt nicht wirklich was. Ich kenne niemanden, der eine Abrissbirne mit dem Einkaufswagen kaufen würde, einen Sinn darin sieht, den Einkaufswagen mit dem Auto oder Pferd zu ziehen oder gar daran zweifeln würde, wer beim Zweikampf Pkw gegen Einkaufswagen gewinnen würde.

Und dann kam ich ins Grübeln, denn eine "Information" in dem Bericht gab mir zu denken. Ich wurde das unangenehme Gefühl nicht los, dass da irgendwas nicht stimmt. Dann kam ich drauf. Irgendwann hieß es nämlich in dem Bericht, dass ein durchschnittlicher Einkaufswagen eine Lebensdauer von 10 Jahren hat, in dieser Zeit eine Strecke von etwa 365.000 Kilometer oder umgerechnet der Entfernung Erde-Mond zurücklegt und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von zwei Stundenkilometern bewegt wird. Und als ich darüber nachdachte, konnte ich nur noch den Kopf schütteln.

Witzigerweise stimmt die Info, von der man nun glauben könnte, sie wäre falsch. Die Entfernung Erde-Mond ist wirklich rund 365.000 Kilometer (in Erdnähe etwas weniger, in Erdferne mehr). Aber: Wenn ein Einkaufswagen nun wirklich eine solche Strecke und dabei zwei Stundenkilometer schnell ist, dann dauert das nicht zehn, sondern 20 Jahre! Und das auch nur, wenn der Einkaufswagen die 20 Jahre jeden Tag 24 Stunden lang ununterbrochen bewegt wird - so einen Supermarkt und damit Einkaufswagen gibt es gar nicht! Mit anderen Worten: Irgendeine der genannten Zahlen kann nicht richtig sein.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder haben die "Galileo"-Redakteure beim Recherchieren ein paar Zahlen verwechselt oder falsch wiedergegeben - und das wäre schon peinlich genug - oder aber sie haben falsch gerechnet, vielleicht weil sie nicht wissen, wie man die Geschwindigkeit berechnet und dann die Gleichung umstellt.

Ehrlich gesagt: Ich tendiere bei dieser Sendung zu der zweiten Variante.

Kommentare:

RoM hat gesagt…

Mich erschreckt nun weniger ein Fehler innerhalb der Sendung, als vielmehr der Infotainment-Aspekt des Konzepts. Wie Du anmerkst sind die "Experimente" inhaltlich irrelevant. Nicht nur das, die Ergebnisse sind auch nach zwei Augenblicken Nachdenken(!) offensichtlich. Die Intelligenz wird zusätzlich angezweifelt, wenn sich Experten absichtlich unwissend und überrascht geben. Über Vorgänge, die sie aus dem ff kennen.
Wissensvermitlung beginnt damit, daß der Lernwillige respektiert wird.

B.W. hat gesagt…

Habe mir erlaubt, gestern noch der Galileo-Redaktion ein e-Mail zu schreiben. Antwort steht noch aus. Bin gespannt, ob ich überhaupt eine bekomme.

Erik N. hat gesagt…

Ich schätze mal nicht. Wenn ich nur daran denke, dass die alles unternehmen, damit niemand mehr im Internet das unsägliche Video sehen kann, in dem sie meinen, die Kompassnadel zeigt nach Norden, weil am Nordpol so viel Eisen ist...