Mittwoch, 7. November 2012

Expeditionen ins Bahnreich

So eine Bahnfahrt kann man als eine interessante Expedition in einen speziellen Mikrokosmos ansehen. Ich hatte ja hier schon das eine oder andere Mal geschrieben, dass ich jetzt öfters mit dem Zug unterwegs bin. So oft bin ich nicht mehr Zug gefahren seit Ende der 80er und den ganz frühen 90er Jahren, als das bei mir gang und gäbe war. Und ich muss sagen: Da hat sich in meinen Augen einiges geändert. Eine der interessantesten Änderungen fiel mir dabei merkwürdigerweise erst in dieser Woche auf: Es ist ziemlich still in den Zügen.

Nun gut, still ist ein relativer Begriff. Es rappelt, quietscht, scheppert, schnauft und rattert doch schon ganz schön. Aber die Insassen sind relativ ruhig. Nur wenige unterhalten sich miteinander, selbst dann, wenn sie deutlich erkennbar zusammen gehören. Zum Beispiel die Schüler oder Berufsschüler, von denen es in dem einen Zug, den ich nutze, nur so wimmelt. Die gehören ganz klar zusammen, ein paar Worte wechseln sie auch miteinander, woran man das auch erkennen kann. Aber Gespräche sind das nicht, so wie bei uns früher, als praktisch von überall her Unterhaltungen in allen Lautstärken erklangen. Statt dessen haben die Leute heute Handys und dergleichen mehr in der Hand.

In meinem Sichtkreis saßen bei meiner Zugfahrt in dieser Woche elf junge Leute unter 20. Von denen hatten neun das Handy in der Hand oder zumindest im Gebrauch. Die meisten hörten Musik - ihr kennt dieses störende Hintergrundrauschen, unterbrochen von einem zischenden Pop-Beat. Zwei spielten Computerspiele auf ihren Smartphones, ein paar schickten SMS oder ähnliches, und ein Mädel machte damit sogar ihre Hausaufgaben (das war witzig: Sie hatte einen Schreibblock auf dem Schoß, in der einen Hand ein paar Blätter und in der anderen Hand das Handy, mit dem sie im Web surfte, um die Blätter zu bestimmen und zu klassifizieren). Ein etwas weiterer Blick ließ mich das eine oder andere Kindle erkennen (wer liest denn heute noch Zeitung im Zug?), und ein Reisender hatte sogar das berühmte iPad in der Hand, mit dem er einen Film schaute - zum Glück mit Kopfhörern und dabei auch wirklich unhörbar.

Angesichts der auffälligen Fixierung dieser Leute in ihre eigene Welt fielen die wenigen, die sich wirklich unterhielten, umso mehr auf. Und da sind mir zwei junge Männer besonders im Gedächtnis geblieben. Die machten nämlich keinen seichten Small-Talk, wie man ihn um sechs Uhr morgens erwarten könnte, sondern sprachen über die Bibel bzw. den Koran, und zwar von einem literaturwissenschaftlichen Standpunkt aus (Zitat: "Der Koran ist wahnsinnig schlecht und langweilig geschrieben." - "Ja, man merkt, das hat ein Analphabet einem Auftragsschreiber diktiert."). Dieser Kontrast - auf der einen Seite die schon manische Beschäftigung mit High-Tech-Geräten des Informationszeitalters und auf der anderen die Diskussion über den literarischen Wert uralter Religionsführer - entbehrte nicht einer gewissen Ironie.

Und ich musste an die Zeit vor 20 Jahren denken, als ich jeden Morgen im Zug unterwegs war und zu der ich mit meinen Freunden dabei Skat spielte oder über das Fernsehprogramm lästerte, während im Nachbarabteil zum Beispiel über Fußball diskutiert wurde. So ändern sich die Zeiten.

Kommentare:

SylviaS hat gesagt…

"gemeinsam einsam" fällt mir nur dazu ein.

und...was hast du gemacht?

burnedeyez hat gesagt…

Hmm, normalerweise würde ich ja jetzt sagen, dass es eine Generationssache ist, ich fürchte nur dass das bei deinen Beobachtungen mal so gar nicht zieht. Auf jeden Fall weckt es aber Erinnerungen an meine Berufsschulzeit und die damit verbundenen Zugfahrten

Erik Nagel hat gesagt…

Ich habe die anderen beobachtet...

RoM hat gesagt…

Als ich Anfang der 80'er im Zug gen Berufsschule saß, war es auch ausgesprochen ruhig. Kein Wunder, denn die Abfahrt des IC erfolgte um 5 Uhr 40. Um wach zu werden las ich mich dann durch meine PRs.
Was die technophile Jugend angeht - immerhin agieren sie nicht ausschließlich als passive Konsumenten (wie weiland die alten Arkoniden). Es wird kommuniziert. Und das Mädel mit der lose Blattsammlung hat damit gearbeitet. Läßt also hoffen.

In personam beobachte ich auch gerne die Leute beim Sein.

Björn Schröbel hat gesagt…

Hallo Erik,

ich fahre nicht Zug, früher nur Bus. Ehrlich gesagt wäre ich damals froh gewesen, wenn meine Passagiere früh morgens ebenso ruhig gewesen wären wie es heute der Fall ist, da hätte ich besser dösen können.

Aber diese Smartphonelastigkeit ist schon auffallend, wobei ich mich nicht ausnehme, habe selbst immer eines dabei zuweilen auch ein Tab, letztlich habe ich diesen Kommentar damit geschrieben *lach*

Beste Grüße
Björn