Montag, 5. August 2013

Die Bahn - in Hektik und tiefenentspannt

Nach mehrwöchiger Pause - man könnte auch Sommerferien sagen - fuhr ich heute wieder einmal nach Potsdam. Die Deutsche Bahn überraschte mich dabei mit einigen besonderen Einlagen. Nicht wirklich schlimm, nicht mal ärgerlich, aber irgendwie amüsant und auf eine beinahe rührende Weise auch aufregend. Ich hatte den Eindruck, dass der Konzern irgendwie auf dem Zahnfleisch geht, aber auf eine bemerkenswert unbekümmerte Weise damit umgeht.

Ausgangspunkt ist, man sollte es kaum glauben, das Junihochwasser. Das ist zwar schon lange vorbei, aber auch die Bahn kämpft immer noch mit seinen Auswirkungen. Seinerzeit hatten die Elbefluten die ICE-Strecke zwischen Berlin und Hannover massiv überflutet und so sehr beschädigt, dass niemand genau sagen kann, wann dort wieder Bahnverkehr möglich ist. Nun ist das zwar nicht die Strecke, die ich fahre. Die ICE werden jedoch großräumig umgeleitet und sorgen auf ihren Ausweichstrecken für einige Behinderungen. Wie das aussieht, erlebte ich heute.

Als ich nämlich am Morgen in Brandenburg auf den Zug nach Potsdam wartete, kam unter anderem einer an, der eine dreiviertel Stunde Verspätung hatte. Das ist meiner Meinung nach auf einer Regionalbahnstrecke, auf der pro Stunde drei oder vier Züge fahren, ganz schön viel. Unerklärlich war für mich, dass nur dieser eine Zug solche Verspätung hatte, aber egal. Er kam zu einem für uns günstigen Zeitpunkt an, er war - wohl aufgrund seiner Verspätung - sehr leer, also stiegen wir ein.

Es muss auch bei der Bahn Formel-Eins-Fahrer geben, die eingesetzt werden, um Verspätungen aufzuholen. Der Lokführer legte jedenfalls ein beängstigendes Tempo vor. Wir waren kaum eingestiegen, da ruckte der Zug an und beschleunigte mit beeindruckenden Werten (ich wusste gar nicht, dass diese Züge so anziehen können). Ich meine es ernst: er stand höchstens dreißig Sekunden, ehe er weiter düste. Er muss auch bedeutend schneller gefahren sein als üblich. Ich kann Geschwindigkeiten im Zug nur schwer schätzen, aber als er in Potsdam ankam, war die Verspätung von 45 auf 35 Minuten geschmolzen (und das auf einer Strecke von nicht mal vierzig Kilometern).

Unnötig zu erwähnen, dass das Bremsmanöver in Potsdam sehr stark an eine Notbremsung erinnerte und uns beinahe quer durch den Waggon schleuderte.

Auch auf dem Rückweg kam es zu einer Verspätung. Diesmal nur fünf Minuten, und so richtig zählt sie nicht, weil diese offenbar wegen der Umleitungen schon von vornherein einkalkuliert ist. Trotzdem blieb mir dieses Detail besonders in Erinnerung, und zwar wegen des Zugbegleiters. Zufälligerweise hatten wir nämlich sowohl am Morgen als auch bei der Heimfahrt nachmittags den gleichen. Und dessen Verhalten ließ mich schmunzeln.

Man kann es, vor allem angesichts der etwas chaotischen Bedingungen, die derzeit im Bahnverkehr herrschen, nur als "tiefenentspannt" bezeichnen. Mit ruhiger, gelassener und sanfter Stimme sagte er zum Beispiel am Morgen sein Sprüchlein auf, entschuldigte sich für 45 Minuten Verspätung, begründete sie mit dem Warten auf andere Züge und leierte noch schnell die Anschlüsse in Potsdam herunter. Dann schaltete er ab und ward nicht mehr gesehen. Bestimmt hat er sich gesagt, dass er bei 45 Minuten Verspätung nicht auch noch Fahrkarten kontrollieren wolle und sich dabei dumme Sprüche anhören müsse.

Noch lustiger war es auf dem Rückweg. Nach wie vor "tiefenentspannt", kontrollierte er dieses Mal zwar die Fahrkarten. Er entwertete aber keine, warf lediglich einen kurzen Blick drauf und schlenderte dann weiter. Ich bin mir sicher, dass er überhaupt nicht darauf achtete, was er da sah: Nachdem ich ihm meine zeigte und er dankend nickte, stellte ich fest, dass ich beim Vorzeigen mit dem Daumen sowohl das Datum als auch den Zielbahnhof verdeckt hatte. Vermutlich hätte ich ihm eine Visitenkarte zeigen können, und er hätte es akzeptiert. War ihm wohl mittlerweile alles egal.

Das Lustigste war aber seine Durchsage. Nach wie vor gelassen, ruhig und mit sanfter Stimme begrüßte er alle Reisenden und kam dann zum Punkt: "Unsere Verspätung beträgt zurzeit fünf Minuten. Grund ist murmelmurmelmurmelunverständlichesgebrabbelmurmelmurmel Brandenburg haben Sie Anschluss an den RB51... (usw.)"

Ich nehme an, er hatte nach diesem Tag einfach die Schnauze voll, sich pausenlos für Verspätungen zu entschuldigen