Mittwoch, 24. April 2013

Die feuchten Barbaren-Träume jugendlicher Leser

Erst schlagen, nicht fragen - Conan!
Meine derzeitige Lektüre mutet vielleicht etwas seltsam an. Ich lese nämlich „Conan“-Bücher. Ganz genau, der vorzeitliche Schlagetot, mit einem streng limitierten Wortschatz, Armmuskeln wie aus der Steroid-Werbung und vermutlich der Erfinder der Phrase "Fury in the Slaughterhouse". Ich habe diese Bücher in einem Bundle auf einer Versteigerung erworben und nehme sie mir derzeit nach und nach vor. Ja ich weiß, ihr literarischer Wert ist bestenfalls begrenzt, und in Sachen Originalität glänzen sie auch nicht gerade. Aber andererseits: Irgendwas hat diese Barbaren-Schlachterei, und zum Entspannen am späten Abend oder auf einer langweiligen Zugfahrt reicht es allemal.


Tatsächlich sind die Bücher handlungstechnisch in der Regel so vorhersehbar wie das Abstimmungsverhalten der Linken im Bundestag bei Gesetzesvorlagen von Angela Merkel. Conan - muskelbepackt, mehr oder minder schwer bewaffnet, hungrig nach Abenteuern und häufig genug pleite - kommt meist beim Stehlen irgendeiner Kostbarkeit oder als Söldner für einen Herrscher in Konflikt mit Bösewichtern. Meist sind das böse Magier, Könige, die sich böser Magier bedienen, oder Priester, die sich mit böser Magie beschäftigen. Die häufige Konfrontation mit bösen Magiern erklärt sich allein schon deshalb, dass Conan immer wieder erwähnt, er wolle mit Magiern, vor allem bösen, nichts zu tun haben. Anders ausgedrückt: Er bettelt regelrecht nach Konflikten mit ihnen… Oft schließt Conan Freundschaft mit einem anderen Kämpfer, der kurz darauf das Zeitliche segnet und dank seines Todes das Leben des Cimmeriers rettet. Es gilt nicht selten irgendwelche Monster zu meucheln, und natürlich ist so gut wie nie ein menschlicher Gegner Conans Kampfkünsten auch nur ansatzweise gewachsen (weswegen die Zahl der von ihm dahin gemetzelten Schurken pro Buch mindestens zweistellig ist).

Und dann sind da natürlich noch die Frauen: ausnahmslos hübsch und wohlproportioniert, gelegentlich gute Kämpferinnen, alternativ Prinzessinnen/Priesterinnen/sonstige Jungfrauen in Not (zum Beispiel von bösen Magiern bedroht) und entweder ohnehin schon leicht bekleidet oder dank einer „überraschenden“ Wendung in der Handlung irgendwann ganz nackig (was Conan dann häufig genug auch ganz schnell ist, räusper räusper...). Mit anderen Worten: Im Prinzip der richtige Stoff, um Jungs dank der Lektüre rote Ohren und feuchte Träume zu bescheren, wohingegen gestandene Leser ihre geistige Aktivität auf ein Mindestmaß herunter schalten können, während sie gleichzeitig darüber schmunzeln, dass sie diese Trivialitäten begeistert verschlungen haben, als sie selber Jungen waren.

Und so was lese ich zurzeit (was das wohl über mich sagt?)…

Allerdings hat mich eines der Bücher letztens doch etwas überrascht. Es handelte sich um „Conan der Herausforderer“ von Steve Perry, und zwar aus zwei Gründen. Zum einen gehörte zum Buch ein Nachwort, das sich beim Lesen als wirklich originell erwies. Darin macht Lyon Sprague de Camp den eigentlich verzweifelten Versuch, die vielen über die Jahrzehnte hinweg von vielen verschiedenen Autoren - Conan-Schöpfer Robert E. Howard starb ja schon 1936 mit 30 Jahren - geschriebenen Romane und Erzählungen in einen logischen Zusammenhang zu bringen und so etwas wie einen Lebenslauf des Promi-Barbaren zu machen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, da sich manche Bücher wirklich widersprechen. Diese Widersprüche – und da gewinnt das Nachwort wirklich an Charme – resultierten laut de Camp aus nicht mehr eindeutig zu rekapitulierenden und mitunter zweifelhaften Quellen über Conans Leben. Nämlich mehr als 8000 Jahre alte sumerische oder babylonische Keilschrifttafeln, die von Münchener Altertumsforschern falsch übersetzt wurden, im Gegensatz zu Moskauer Archäologen, die zu anderen Ergebnissen kamen, oder ägyptische Papyri, die im Britischen Museum zu finden sind, sich allerdings von byzantinischen Aufzeichnungen unterscheiden… Irgendwann habe ich dieses Nachwort nur noch gelesen, um zu erfahren, wo und wie de Camp nun noch weitere „Beweise“ für Conans Existenz hineinfabuliert…

Die andere Idee, die mich überraschte, kam tatsächlich in der Handlung vor. Und sie überraschte mich vor allem deshalb, weil ich diese nicht in einem Buch, das in erster Linie für jüngere Teenager gedacht ist, erwartet habe (allerdings erklärte sich dieser Einfall mit der Tatsache, dass das Buch 1987 entstand, und da waren die Jungs doch etwas anspruchsvoller als zu den glorreichen Pulp-Zeiten in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts). Dazu muss ich jetzt ein wenig ausholen:

In diesem Buch macht sich Conan auf die Jagd nach einem Artefakt, hinter dem auch - natürlich - ein böser Magier oder genauer gesagt ein Nekromant her ist. Nekromanten haben ja die schlechte Gewohnheit, sich mit Leichen zu umgeben und sie zu Untoten in ihren Diensten zu machen, und das Artefakt würde die Macht des Nekromanten auf ALLE Toten der Welt ausdehnen. In den richtigen Händen allerdings bricht es den bösen Zauber und beschert den zum Unleben erweckten Leichen das endgültige Jenseits. Dieses Wissen hat auch eine Leiche - oder genauer gesagt, ein Zombie - aus dem Gefolge des Nekromanten. Eine 100 Jahre tote Frau, um genau zu sein. Dieser Zombie-Dame, die sich eine überraschende Selbstständigkeit bewahrt hat, gelingt es, dem direkten Einflussbereich des Nekromanten zu entfliehen und sich auf die Suche nach dem Artefakt zu machen - sie will nämlich endgültig sterben (so ein untotes Leben ist nicht erstrebenswert). Und dann gibt es noch eine andere Dame (überaus lebendig, jung, gute Kämpferin, hübsch und wohlproportioniert), deren Vater der Artefakt einst gehörte und dem dieser Artefakt gemeinsam mit dem Leben gestohlen wurde. Besagte Schönheit ist nun auf der Suche nach Artefakt und gleichzeitig Rache.

Verständlich, dass Conan auf Zombie und Schönheit trifft und dass die drei ein Zweckbündnis gegen den Nekromanten bilden. Und dass Conan irgendwann mit der Schönheit in den Federn verschwindet, war mir auch klar. Nicht erwartet hatte ich allerdings, dass sie die Zombie-Dame da mit hinzuziehen und dass dies zu allem Überfluss die Idee und der Wunsch der heißblütigen Schönheit war…

Um übrigens Ekel vorzubeugen: Laut Buchhandlung war die Zombie-Dame zu Lebzeiten  außerordentlich schön - was sonst - und aufgrund eines Zaubers des Nekromanten nach ihrem Ableben nicht dem Verfall preisgegeben. Es handelt sich also nicht um eine anatomisch interessante und aufschlussreiche „Walking Dead“-Verwesungsleiche, sondern um eine hübsche und wohlproportionierte, allerdings tote und daher bleiche und recht kalte Frau…

Trotzdem: Auf einen Dreier mit Zombie muss man erst einmal kommen. Und auch wenn natürlich nichts explizit beschrieben wurde - den jugendlichen Lesern werden diese Passagen dunkelrot glühende Ohren und noch feuchtere Träume beschert haben!

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